Dienstag, 16. September 2014

Mit Rowdy durch dick und dünn! Vol. II

Mein Hund Rowdy war ja ein echter Schatz, andererseits war mir wirklich klar, dass man einem solchen Hund in dieser Größe ein wenig Erziehung angedeihen lassen musste. Dieser Entschluss kam mir, nachdem er mir dezent anzeigte, dass er nicht gerne allein gelassen werden würde. Seine zarten Hinweise reichten vom ausgeräumten Mülleimer über einen zerkleinerten Polstersessel (der mir nicht einmal gehörte..) bis hin zu einem bis zur Unkenntlichkeit zerbissenen Fünfzigmarkschein, der zwar mir gehörte, aber nicht als Hundeleckerlie dienen sollte.
Meine Schimpfe darüber nahm er jedesmal relativ geknickt hin, mit schuldbewusst gesenktem Blick und ganz langen Hängeohren, um mir 30 Sekunden später wieder seinen Quietsche-Igel zum Werfen zu bringen.
Es nutzte nichts, er musste ordentlich erzogen und zu einem guten Begleiter ausgebildet werden. Er durfte zwar morgens überwiegend frei herumlaufen, aber unsere Spaziergänge an der Leine in der Öffentlichkeit waren gelinde ausgedrückt ziemlich chaotisch. Er zog an der Leine hierhin und dorthin, kläffte bei einsetzender Dämmerung Omas mit Gehhilfen so an, dass sie panisch die Straßenseite wechselten und machte unsere Einkaufsaktionen zu wahren Survivaltrainings. Versucht doch mal, mit einem ziehenden, bellenden Halbstarken an der Leine plus 2 schweren Einkaufstüten, die jeden Moment zu reißen drohen, einen längeren Fussweg hinzulegen. Und das mindestens einmal in der Woche.
Ich wollte einen ordentlichen Hund, wie gesagt. Einen, der eventuell wegen seiner Optik die Blicke auf sich zog und nicht wegen unsäglichem Benehmen. So ging ich mit ihm zum Hundeverein und meldete uns dort an.
Und wie ich dort vor den bereits beschriebenen Personen stehe, die uns wie gesagt mit teils sehr missbilligender Mine mustern, da strolcht mein als lernwillig und unverbraucht angeprisener Vierbeiner auf dem Hundeplatz herum und legt eine dicke Hinterlassenschaft mitten auf das eingezäunte Areal. Die Augenbrauen zogen sich noch höher in die Stirn, der knackige Bursch' grinst mich unverhohlen an und der Vorstand holt schon mal die Kornflasche aus der Theke, denn ein solch schweres Vergehen kostet eine Runde Hochprozentiges an alle, die es gesehen (und gerochen) haben! 
Dann kam er wieder an meine Seite, von der er sich wirklich sehr leise davongestohlen hatte, setzte sich ab und strahlte mit seinem unnachahmlichen Labrador-wie-Fuchur-von-der-unendlichen-Geschichte-Grinsen in die Runde.
Die Hovawart-Tante war einer Ohnmacht nahe, griff gierig nach dem ihr dargebotenen Getränk und kippte es auf Ex hinunter. Damit hatte sie die nächste Runde an der Backe, denn sie hatte mein "Cheers" schließlich nicht abgewartet! Das ist fast so schlimm wie ein dicker Hundehaufen in der Mitte des Hundeplatzes und wieder kreiste die Flasche. Mir wurde schon blümerant zumute und so beseitigte ich den Anlass der ersten Runde Westfälischen Kimmenkorn geschwind', leinte meinen Sünder an und zeigte ihm leicht schwankend den Platz. Ich vertrage sowas nämlich nicht, aber hier wurde anscheinend auch ein Training in der Leistungsklasse im Kampftrinken angeboten.
Nun schaute mich mein Hund zur Abwechslung mal komisch an. Ich machte innerlich eine kleine Inventur des heutigen Nachmittags.
Wir waren theoretisch hier, um dem Hund eine gewissenhafte Erziehung angedeihen zu lassen.
Praktisch lief ich nun mit roten Ohren und um Gleichgewicht ringend hinter eben diesem Hund an der Leine her, der mich wie immer von a nach b zog. Unter den Blicken zweier jagdlich gekleideter Herren, von denen ener der Präsident und der andere recht attraktiv war und unter gewissen herablassenden Blicken einer Dame mit zwei distinguiert wirkenden Hovawarten, die sich wohl niemals zu einer solchen Aktion hinreissen lassen würden. Theoretisch.
Kichernd brachte ich meinen Hund in die ihm zugewiesene Box. War doch ein lustiger Nachmittag. Der Einstand war ganz unserer chaotischen Natur entsprechend gelaufen und nach dem Erledigen der Formalitäten war immer noch Zeit genug, den ursprünglichen Plan des Hundetrainings zu verfolgen. Und den hochnäsigen Rassehunden würden wir es auch noch zeigen. Später, wenn wir wieder nüchtern sind. ;-)

Auf dem Heimweg ging es mir schon wieder besser. Alkohol ist wirklich iieh. Total iiiehh.

Was immer ihr heute zu euch genommen habt, ich hoffe, es war bekömmlich!

Viele Hundegrüße von
Copine, die das Fuchur-Grinsen von Rowdy niemals vergessen wird.

Freitag, 12. September 2014

... zum Superschulpferd! Laetizia III

Laetizia war mittlerweile gut in Form, sie bekam sogar einen neuen, extra für sie angepassten Sattel und ein furchtbar modernes Gelkissen, um ihren empfindlichen Widerrist zu schonen. Sie brauchte wirklich eine Sonderanfertigung für diesen Problemrücken. Im Gegenzug wurden ihre Buckelanfälle wesentlich weniger und so langsam neigten sich auch die Ferien ihrem Ende zu. Ich hatte mit Laetizia jeden Tag bis auf einen Ruhetag pro Woche etwas gemacht und sie dankte es mir mit ihrer warmen Zuneigung und Vertrauen. Ihr konnte ich alle meine Teenie-Sorgen anvertrauen, sie würde nicht tratschen oder meine Fünf in Mathe verpetzen. Sie wusste, dass ich zuhause Probleme hatte und mit niemanden darüber reden würde außer mit ihr, und wenn ich mal wieder weinend an ihrem warmen, langen Hals hing, schnaubte sie mir tröstend in die Haare. Ich liebte sie wie mein eigenes Pferd. Der Reitlehrer lobte mich für meinen Einsatz sehr und versprach mir, dass ich sie dafür mindestens 2x pro Woche umsonst im Unterricht mitreiten durfte, ein Angebot, dass ich sehr dankbar annahm.
Die Reitschüler waren Laetizia gegenüber noch eher skeptisch. Eine Reiterin war von ihr abgebuckelt worden und hatte sich den Arm gebrochen, und das in den Ferien. Ich bin ehrlich, allzu böse war ich Laetizia dafür nicht, denn sie hatte vorher auf die Stute geschimpft und war grob mit ihr umgegangen. Meine Warnung hatte sie in den Wind geschossen. Klar war ich erschrocken, dass sie so bös gestürzt war, aber nachdem ich sah, dass sie Sporen verwendet hatte, war sie meiner Meinung nach auch selber schuld. Laetizia hatte wohl noch niemand mit Sporen geritten. Brauchte man auch nicht, denn die Stute war fleißig, mittlerweile auch gut in Balance und Anlehnung und butterweich zu sitzen. Ein Traumpferd (bis auf den Widerrist).
Mein Wunschzettel-Wunschpferd hatte inzwischen einen Namen: Laetizia. Aber die Einstellung meines Vaters zum eigenen Pferd kennt man ja nun schon, außerdem hätte meine jüngere Schwester dann auch eins haben müssen, und das käme ja wohl wirklich nicht in Frage. Schon mal überlegt, was das kosten soll?
So gab ich mich weiter ihrer Pflege hin und war mittlerweile genauso streng mit den Reitschülern, was das Satteln und Putzen angeht, wie der Rest der Schulpferde-Mafia. Da Laetizia aber auch Putzzzeug, Satteldecken und Gurtschoner finanziert von meinem kargen Taschengeld hatte, fand ich es auch ok, mal zu meckern, wenn jemand nicht ordentlich damit umging. Und ihren Widerrist betrachtete ich nach jeder Stunde mit Argusaugen. Sass das Gelkissen auch richtig? Wurde vernünftig nachgegurtet? Ist die Satteldecke auch nicht verrutscht?
Der Gedanke, dass ihr der Rücken wieder schmerzen würde, nur weil jemand schlampig sattelt, war mir zuwider. So begann ich auch hin und wieder die Schule zu schwänzen, um mich um Laetizia zu kümmern.
So wurde es Herbst und Winter und mittlerweile "erfreute" sich Laetizia wachsender Beliebtheit in den Reitstunden. Sie lief brav mit Anfängern und dann auch mit Ausbindern oder Dreieckszügeln und mit Fortgeschrittenen auch ohne Hilfszügel schön in Anlehnung. Ihr Pensum wuchs und wuchs also, denn es sprach sich herum, dass sie so schön zu reiten sei. So verzichtete ich immer öfter auf eine meiner beiden Pflegerreitstunden und bewegte sie dann nur am unterrichtsfreien Tag unter dem Sattel oder der Longe. Der Reitlehrer merkte das wohl und fragte eines Tages, ob ich mit ihr mal an einer Anfängerspringstunde teilnehmen wollte!
Ouha. Natürlich wollte ich. Aber gesprungen war ich nur mal über ein Cavaletti oder ein kleines Kreuz und eigentlich hatte ich ein mulmiges Gefühl dabei gehabt.
Aber für Laetizia würde ja auch nur ganz klein aufgebaut. Ok, ich sagte zu, wir beiden machen das schon.
Etwas zitterig half ich beim Aufbau, es war wirklich nicht hoch. Dann holte ich die Stute, machte mir die Bügel kurz (wie komisch war das denn!), bekam den Leichten Sitz erklärt und schon sausten wir beide über Kreuzchen. Wer hätte das gedacht! Laetizia hatte richtig Spaß am Springen!! Da das nicht unbedingt die meisten Schulpferde toll finden, war schon wieder ein neues Betätigungsfeld für meine Maus aufgetan. Mir machte es auch Freude und zum Schluss sprang ich mit meiner Laetizia tollkühn über einen Steilsprung, den ich mir vorher niemals zugetraut hätte. Wir gaben einander immer mehr Selbstvertrauen und bei der nächsten Springstunde kamen wir sogar heil über einen Oxer und ein paar In-out in einer Reihe.
Die anderen Schulpferdreiter beneideten mich nun ein wenig, bekam ich sogar die meisten Tipps vom Reitlehrer (in den wir ja alle ein wenig verknallt waren, ne) und auch viel Lob, was ja der Ausbildung von Laetitia für die Allgemeinheit diente.
So kam auch der Winter und mit ihm das traditionelle Nikolausturnier. Laetitia war mittlerweile beinahe ausgebucht und lief durchschnittlich 3 Stunden am Tag, manchmal sogar vier. Immer mal wieder war die haarlose Stelle am Widerrist ein wenig gerötet, wurde gesalbt und beschmiert. Und gehofft, dass es "hält", denn Laetizia sollte beim Nikolausturnier mit einigen Mädels an den Start gehen: Jugendreiterwettbewerb, E-Dressur und auch ein Springreiterwettbewerb.
Ich flocht ihr hübsche Zöpfchen in die Mähne und bewunderte ihren tollen Hals, den sie bekommen hatte: Lang, oben schön rund und unten ohne einen Ansatz von Unterhalsmuskulatur, genau richtig geschwungen. Ihre Hinterhand war auch sehr viel kräftiger geworden und sie war wirklich - auch mit Winterfell - schön im Lack. Sie leuchtete geradezu.
Und dann geschah es.
Am Abend vor dem Nikolausturnier schaute ich noch mal nach ihr (und ihren Zöpfchen) und dabei fiel mir auf, dass sie ihr Futter gar nicht aufgefressen hatte. Stattdessen pustete sie heftig, bekam einen leichten Schweissfilm und begann, sich in der Box zu wälzen, wieder aufstehen, wieder wälzen...
Ich holte den Reitlehrer. Der rannte zum Telefon und rief den Tierarzt: Laetizia hatte eine heftige Kolik! Mich wies er an, ihr eine Decke überzulegen und sie im Schritt in der Halle zu führen, weiteres Wälzen nach Möglichkeit verhindern!
Ich war geschockt. Meine Laetizia so krank! Sie hatte Schmerzen und stöhnte leise auf dem Weg in die Halle. Mir fiel auf, dass ihr Bauch sehr geschwollen aussah. Er wirkte wie aufgepumpt. Ich führte sie, erzählte ihr was und sie trottete mit zittrigen Beinen neben mir her. Da traf auch schon der Tierarzt ein und ich erlebte zum ersten, aber bei weitem nicht zum letzten Mal eine Kolikeruntersuchung nach allen Regeln der Kunst. Der Tierarzt lehrte mich, wie man Darmgeräusche beurteilt, wo der Blinddarm liegt und wie er "anschoppt" (Danke nochmal für den authentischen Vergleich mit der alten Klospülung. Bei der Reitwartprüfung hat er für ordentlich Lacher gesorgt.). Dann bekam die Stute 2 Spritzen, ihr Futter weggenommen und die Tränke abgestellt. Ich wich ihr nicht von der Seite. Nach der Spritze ging es ihr zusehends besser und sie wollte Futter, durfte aber nichts haben.
Ich schaute auf meine Uhr. Oh oh. 10 Uhr abends, der letzte Bus war schon weg.
Es war Dezember, ich holte mir ein paar dicke wollene Abschwitz- und Stalldecken, machte mir ein Lager in Laetizias offener Boxtür und sang ihr Weihnachtslieder vor. Der Reitlehrer erklärte mich für verrückt und brachte mir heissen Tee und ein Käsebrötchen. Es war das leckerste Käsebrötchen, was ich je hatte. ;-)
Morgens war Laetitia wieder wie neu und gierte nach Futter. Sie durfte aber erstmal nur etwas Heu haben und wieder trinken. Der Tierarzt hatte genaue Anweisungen hinterlassen. Sie sollte alle 2 Stunden eine Rippe Heu bekommen und Weizenkleie und wenn es geht, Malzbier. Ich radelte in den Ort und besorgte Malzbier und Weizenkleie. Laetizia pustete mich dankbar an für ihre besondere Mahlzeit und schlabberte mir Weizenkleieklekse auf die Jacke. ;-)
 Das Turnier war mir pupsegal und lief an mir vorbei, Hauptsache Laetizia war wieder ok. An zuhause mochte ich gar nicht denken. Da aber das Telefon schon erfunden war, wenn auch noch nicht unbedingt das Handy - oh, da fällt mir das Autosatellitentelefon vom Tierarzt ein, das war ein richtiger Koffer! - dachte ich, ich rufe mal zuhause an. Der Anschiss, den ich vom Vater daraufhin abbekam, trieb mir die Tränen in die Augen und einen Entschluss ins Denkstübchen: Ich wollte Pferdewirtin werden und am liebsten jede Nacht im Stall schlafen.

Was immer ihr heute beschlossen habt, auch wenn es noch so unvernünftig sein sollte, hört auf euren Bauch. Möglichst ohne Bauchschmerzen. ;-) Und esst ein Käsebrötchen dazu.

Pferdige Grüße von
Copine (was waren wir damals jung und verrückt)! :-)





Dienstag, 9. September 2014

Laetizia II - vom Ro(h)deopferd ....

Nass geschwitzt stand die Stute in ihrer Box. Der Reitlehrer hatte sie ausprobiert und war nur mit Mühe oben geblieben! Zuvor hatte sie ihr Debüt als Schulpferd gegeben, aber leider gab es von diesem Versuch nicht viel Gutes zu berichten. Zwar trottete sie zunächst artig mit den anderen Pferden im Schritt durch die Bahn, schaute sich dies und das an und ihre Reiterin, eine Fortgeschrittene, die schon lange ritt, klopfte sie beruhigend am Hals. Das schien sie ja noch ganz ok zu finden. Im Trab wurde sie dann schon unruhiger und als es dann an die lösende Galopparbeit ging, war der Käse dann gegessen. Sie bockte wie ein Rodeopferd! Das einzige, was man hier von ihr lernen konnte, war, länger als 10 Sekunden oben zu bleiben, bevor man dann unsanft aus dem Sattel gehebelt wurde.
Alle waren so enttäuscht von Laetizia. Man hoffte, ein gutes Schulpferd zu bekommen und dann entpuppte sich die so sanft wirkende Stute in der Bahn als Alptraum auf vier Hufen. :-(
Nun stand sie wieder in der Box und niemand wollte sie reiten. Ich versuchte sie mit ein paar Möhren und Putzeinheiten wieder aufzumuntern. Der Tierarzt kam und checkte sie noch durch: Sie war nicht sechs Jahre alt wie angegeben, sondern erst vier und hatte wahrscheinlich noch nicht allzuviel Erfahrung mit Menschen auf ihrem Rücken. Ansonsten war sie aber zum Glück gesund.
Probleme machte vor allem ihr wahnsinnig steiler Widerrist am unbemuskelten Rücken! Hier gab es nach den 2 Reitversuchen schon eine wunde Stelle, die ihre Situation nicht unbedingt verbesserte. Der Tierarzt gab mir eine Zinkpaste dafür, wies aber darauf hin, dass sie unbedingt einen passenden Sattel haben müsste. Das alte Kloster-Schönthal-Modell (Wiedersehen macht Freude!), welches für sie vorgesehen war, war am Widerrist einfach zu eng gebaut und verursachte ihr wohl Schmerzen.
Ich fragte den Reitlehrer vorsichtig, wie man ihr helfen kann. Er meinte nur, sie müsste völlig neu angeritten werden, leider habe er dafür zuwenig Zeit. Zunächst solle man sie erstmal longieren, damit sie regelmäßig Bewegung erhält und nicht aus Übermut buckelt.
Ich fasste mir ein Herz. Es waren bald Sommerferien und ich würde jeden Tag kommen können!  Nicht wie sonst von lästigen Schularbeiten genervt erst am späten Nachmittag nach ihr schauen und sie versorgen, nein, ich würde morgens schon zum Verein radeln und mich  um sie kümmern.
Den Reitlehrer überredete ich wortreich, mich in die Geheimnisse des Longierens einzuweihen und zum Dank würde ich für ihn die Berittpferde satteln, damit er Zeit für mich und Laetizia hat. Er fand den Deal natürlich prima und so geschah es. Ich suchte den bequemsten Longiergurt für meinen Liebling heraus und der Reitlehrer zeigte mir sehr ausführlich, wie man fachgerecht mit Longe und Peitsche hantiert und wie man dem Pferd so etwas beibringen kann.
Zum Glück war Laetizia ja schon eingefahren und die Longe war ihr nicht ganz so fremd wie die Reiterei. Sie war sehr gehorsam und nach ein paar Mal entspannte sie sich richtig gut im Trab und Galopp und schnaubte zufrieden. Solange ich mit ihr arbeitete, war sie von den Schulstunden befreit, der Vorstand begrüßte sogar mein Engagement sehr, die Stute zusammen mit dem Reitlehrer auszubilden! :-)
Ich sorgte aber auch dafür, dass sie oft frei laufen durfte und auch mal ein Stündchen auf die Weide kam. Damals war die Situation eher so, dass die Schulpferde selten auf die Wiese durften, denn es war nicht genug Wiese für alle Pferde da und die Privatpferde hatten hier Privilegien. Da sich Laetizia aber - oh, welch Zufall! ;-) - mit dem Pferd vom 1. Vorsitzenden, Apollo, irgendwie angefreundet hatte, durfte sie als seine Weidegenossin mit ihm auf die Koppel.
Natürlich hatte sie noch Rückfälle in ihr wildes Verhalten, sie war ja noch jung! Aber ich schaffte es, ihr Vertrauen zu gewinnen, so dass ich sie dann auch oft im Unterricht mitreiten durfte (wir beide quasi als Lehrlinge) und sie fand sich immer besser in ihre Rolle als Reitpferd. Die Longenkommandos setzte ich hier erfolgreich ein und bald kapierte sie auch, dass man ruhig galoppieren konnte, ohne auszurasten.
Das dicke Sattel-Pad, dass ich einem Springreiter gegen dreimal Pferd einflechten abgeluchst hatte, stieß aber bald an seine Grenzen und schon hatte sie wieder einen Buckelanfall mit anschließender wunder Stelle am Widerrist. Scheiße!
Eine Pause gerade in dieser tollen Phase der Ausbildung, wo sie beinahe zuverlässig vorwärts-abwärts traben und galoppieren konnte und hier ihre Balance fand, war ausgesprochen suboptimal.
Der Reitlehrer hatte dann eine Idee: Ich sollte sie mit einem Voltigiergurt reiten! Der lag weiter hinten und das dicke Polster hatte genau an der wunden Stelle eine Aussparung. Ich würde zwar auf Steigbügel verzichten müssen, hatte dafür aber zwei Haltegriffe.
Ich hatte zwar erst ein wenig Muffe, aber manchmal muss man eben über seinen Schatten springen! Also versuchte ich es. Mit viel Herzklopfen - ich wusste ja, wie sie loslegen kann! - ließ ich mich auf "mein" Ross werfen und bekam hier ein völlig neues Reitgefühl! Nicht zuletzt, weil der Reitlehrer auch mit dieser Montur darauf bestand, Laetizia im Leichttraben zu lösen.
Das war nicht leicht, aber auch ich wollte ja lernen und so tat ich, wie mir befohlen. OMG, taten mir anschließend die Beine weh! Wie ein blutiger Anfänger schlich ich zu meinem Fahrrad und fuhr nach Hause.
Aber ich war auch stolz wie Oskar. Das Galoppieren hatte 1A geklappt und sie war schön rund geblieben und vermittelte mir ein tolles Gefühl. Der Reitlehrer hatte am Ende der Stunde sogar ein kleines Lob für mich übrig und wer den Unterricht der 80er Jahre kennt, der weiss, dass das eine Riesenauszeichnung war! Überhaupt, der Unterricht. Das Prinzip hiess "hart, aber herzlich" und manchmal auch nur "hart". Denn der Reitlehrer hatte immer recht und es gab damals noch kein Facebook oder Internetforen, wo man einen solchen Tyrannen an irgendeinen Onlinepranger stellen konnte. Die Parole "Friss oder stirb" kombiniert mit einem gewissen Kasernenhofton schulte allerdings das Gehör des Schülers, die Ausrüstung war stets komplett, denn wer in stylischen Turnschuhen und ohne Helm, womöglich noch mit wehendem Haar, reiten wollte, der blieb schön unten auf dem Boden und wurde nach Hause geschickt. Wer seine Gerte vergessen hatte, der ritt eben ohne und merkte dann am eigenen Leib, wie anstrengend auch das leichtrittigste Schulpferd werden kann, wenn es merkt, dass der Schüler "ohne alles " auf ihm sitzt. Und das merken sie schon sehr früh, nämlich bereits beim Aufsitzen.
Die so Gescholtenen vergaßen NIE WIEDER ihre Klamotten. Und standen zur nächsten Reitstunde wieder parat, mit Haargummi, Helm und blitzblank geputzten Reitstiefeln. ;-)

Oh, und: Was immer ihr heute an guten Tipps bekommen habt, probiert es mal aus, auch wenn es unbequem ist. Es könnte sich wirklich lohnen.

Pferdige Grüße von
Copine (mit Laetizia im Herzen)

Montag, 8. September 2014

Die Weltreiterspiele 2014

...sind vorbei. Endlich? Oder Gottseidank? Oder schade?
Für die deutschen Teilnehmer ist vieles gut gelaufen, Vieles, aber nicht alles. Was die Fachpresse über die Zustände hinter den Kulissen bloggte und berichtete, passt eher in die Sparte "Worst EVER Games" oder "Dieses WEG wird kein leichtes sein" bis hin zu "Will Einfach Weg". Der Wortspiele gibt es genügend (mein Dank hier an die St-Georg-Redaktion, dessen Blog das ganze Drama anschaulich dokumentiert hat: http://www.st-georg.de/blog/index.php  Prädikat: Lesenswert!).
Was bleibt übrig? Schon die grandiosen Leistungen unserer Dressurdamen zum Auftakt, die mit Mannschaftsgold belohnt wurden! Tolle Bilder von lockeren, rittigen Pferden mit gut sitzenden und fein einwirkenden Reiterinnen (hier beziehe ich ausdrücklich die Einzelgoldmedaillengewinnerin Charlotte Dujardin (GBR) und Valegro mit ein!) macht doch Hoffnung auf ein Überdenken der Ausbildungswege der Dressurpferde, auch wenn natürlich überall nur mit Wasser gekocht wird. Wo war eigentlich Totilas und Matthias Alexander Rath? Achja, der Wunderhengst hatte sich nach kurzer Erfolgswelle ja wieder ein Wehwehchen zugezogen. Besonders vermisst wurde er im Dressurviereck aber irgendwie nicht. Bezeichnend. Über die gleiche Mannschafts-Medaille durfte sich  die deutsche Vielseitigkeitsequipe freuen! Im tiefen Boden von Haras du Pin leisteten die Pferde Übermenschliches, wenn man sowas von einem Pferd überhaupt sagen kann. In diesem Fall also Überpferdliches, etwas, was die Sportkameraden von Michael Jung, Ingrid Klimke, Sandra Auffahrt und Co. hoffentlich nicht so bald wieder bringen müssen. Für Sandra und ihren Wolle gab es hier auch die langersehnte Einzelgoldmedaille, wohlverdient wie nie, würde ich sagen. :-) Hoffentlich hat sie lange Freude daran und für Wolle jeden Tag bitte einen extragroßen Korb Möhren.
Tja, die Organisation. Besonders schwächelte sie wohl in einer Nischensportart namens Distanzreiten, dessen Name selbsterklärend ist. Wie sonst kann es zu solch furchtbaren Unfällen kommen, in dem ein Pferd vom tiefen Matsch über eine nicht gesicherte Brücke, dann steil bergab wieder in den Matsch rutschenderweise mit dem Kopf gegen einen Baum rennt? Das Pferd kann dazu kein Statement mehr abgeben, es ist tot. Die Reiterin soll nach einigen Tagen aus dem Koma erwacht sein, die Veranstalter verhängten hier eine Nachrichtensperre. Nachrichtensperre? Was soll das denn? So werden natürlich auch pferdesportfeindliche Gerüchte angeheizt, gefüttert, quasi gemästet, denn es bleibt der Phantasie eines jeden einzelnen überlassen, was mit der Reiterin geschehen ist, wie es dazu kommen konnte, ob sie etwas dazu sagen will oder überhaupt kann. Es ist schrecklich, aber es wäre eventuell vermeidbar gewesen, hätten die Verantwortlichen früher reagiert und diese Klippen entschärft.
Immerhin im Cross Country wurden 2 als tückisch angesehene Sprünge herausgenommen worden, wobei ein gewisser Fisch mit einer stylischen Strauchbürste als schmaler Einsprung ins Wasser diesen Part nun übernommen zu haben schien. Mich sollte es nicht wundern, wenn einige Reiter von nun an eine erworbene Abneigung gegen Fischgerichte entwickelt haben - oder erst recht Appetit darauf. ;-)
Bevor ich zu den Springwettbewerben komme, möchte ich mich an dieser Stelle einmal für das reichhaltige Angebot im TV bedanken. DANKE FÜR NIX! Hätte ein einfach zu bedienender  Internetstream aus Dubai nicht Bilder aus Caen live übertragen, wäre der Frust noch tiefer gewesen beim geneigten Reitsportzuschauer. Danken wir also "Scheich-TV" für die prima Übertragung des gesamten Cross-Country-Events und dem- oder derjenigen, der/die den Link hierzu über einschlägige Internetforen verbreitet hat. Vielen VS-Freunden hat das den Samstag gerettet. Danke!
So, und dann das Debakel der deutschen Springreiter in der 2. Woche. Debakel? Warum?
Tja, der undankbare vierte Platz in der Nationenwertung hat nicht gerade für Jubelstürme gesorgt. Shit happens.
Aber es gibt ja noch eine Einzelwertung. Hier kann man noch ein paar Kastanien aus dem Feuer holen, wenn man denn will.
Aber: Ein gewisser Herr C.A. wollte wohl nicht, dabei hätte er sogar noch Chancen auf das Top Four-Finale gehabt!
Herr L.B. wäre noch in der Top 30 gewesen, verzichtete aber auf eine weitere Teilnahme. Ok, das verstehe ich, wenn es keine Chance auf eine gute Einzelplazierung mehr gibt. Tapfer weiter machten Daniel Deußer und Marcus Ehning, aber der übliche Pechfehler machte die Hoffnung auf das Finale zunichte. Und das tut mir wirklich leid, denn man hat es wenigstens versucht!
Nunja, also keine Medaille für die Springreiter, Der Planet wird sich trotzdem weiterdrehen. Aber es bleibt ein fader Nachgeschmack.
Oh, wäre es hier z.B. um Fussball gegangen: Man stelle sich vor, der Bundestrainer und einige Spieler hätten bei der WM in der Vorrunde zurückgezogen!!!
Oder einige Spieler hätten gesagt: "ach nee, keine Chance mehr auf den Titel. Ich fahr' heim" oder so.
Die hätten hier nicht mehr einreisen müssen. Der Internetshitstorm hätte alle Dimensionen gesprengt, man hätte Personenschutz gebraucht etc. Der Lynchmob ist gnadenlos.
Da haben wir es ja hier nur mit einem Shitstörmchen zu tun. Ich bin jedenfalls der Meinung, dass jeder selber wissen muss, was er tut. Ich wäre aber auch für einen Kader, wo jeder, der die Leistung bringt, mal eine Chance bekommt, um zu beweisen, dass er oder sie genügend Biss hat. Leider haben sich ein oder zwei Reiter mit ihrer Aktion ent-Idolisiert oder auf Bildzeitungsniveau: Sie haben den Schwanz eingezogen.
Tja, das sind nur ein paar Gedanken von mir zu den Wörstequestriangähms. Ich für meinen Teil bin froh, dass es nun vorbei ist. Ich bin traurig über den Tod von 2 Pferden, das Zweite ein VS-Pferd vom Briten Harry Meade, Wild Lone, der nach dem Gelände mutmasslich einem Aorten-Abriss erlag. :-(
Vielleicht lernt auch der deutsche Dachverband nun etwas in Sachen Nachwuchsförderung dazu. Lasst die guten Pferde nicht einfach ausser Landes ziehen! Die Niederländer haben da das bessere System. Denn sonst hat der Ausverkauf mehr Konsequenzen als ein paar verpasste Medaillen für Springreiter.

Was immer ihr heute Schönes gewonnen habt: Freut euch wie Bolle darüber. :-)

Liebe Grüße von
Copine, deren viereckige Augen vom Streamgucken langsam wieder Normalform annehmen. ;-)

Samstag, 6. September 2014

Schulpferde: Laetizia Vol. I!

Diese Geschichte geht über mehrere Jahre, deshalb auch hier wieder ein Fortsetzungsroman, der wirklich so geschehen ist. ;-)
Laetizia war Copines Vorgängerin in Sachen "Herzenspferd". Sie war - ratet mal - eine braune Stute und ihr Name bedeutet "Die Freude, die Fröhlichkeit".

Zu jener Zeit, in der ich Laetitia betreuen durfte, war ich ein Teenager, zwischenzeitlich umgezogen und mein weiterer Reitunterricht fand nun in einem großen "Laden" statt, mit 8 hauptberuflichen großen Schulpferden. Da diese auch sehr gut ausgelastet waren, war der Verein eigentlich ständig auf der Suche nach geeigneten Pferden, um die Truppe zu verstärken und ältere Pferde zu entlasten. Die Pflege der Schulpferde zu übernehmen war zu jener Zeit eine besondere Ehre, und viele ReitschülerInnen prügelten sich geradezu darum, einen Tag in der Pflegertabelle für ihr Lieblingspferd zu ergattern.
Die Schulpferdepflegerinnen überwachten nach Möglichkeit auch jeden Handgriff, den der Reitschüler an "ihrem" Pferd zur Vorbereitung für den Unterricht vornahmen. Da wurde die Satteldecke nochmal zurechtgezupft, die natürlich frisch gewaschen und der neuesten Mode entsprechend vom Taschengeld der Pflegerin angeschafft wurde, Polsterfellchen und Gurtschoner, schicke Stirnbänder ebenso. Die vereinseigenen Sachen waren zwar genügend vorhanden, aber natürlich nicht schön genug und jede legte Wert darauf, dass "ihr" Pferd das Schickste und Bestgepflegteste in der Bahn war. Auch die Boxen waren immer sauber gemistet und die Späne-Einstreu mit einem Besen glattgezogen, so dass sie wie ein Teppich in der Box lag. Der Verein dankte so viel Einsatz zum Wohle der Schulpferde, indem die Pflegerinnen an sog. "Stehtagen" die Pferde reiten oder longieren durften.
Ich ritt nun schon ein halbes Jahr in dem Verein regelmäßig Schulpferde und so ein Pflegepferd war mein Traum. Denn diejenigen, die sich bei den Schulis "bewährt" hatten, bekamen oft Angebote von den Privatpferdebesitzern, sich um ihr Tier zu kümmern. Und dann war man in der Hierarchie ein ganzes Stück aufgestiegen. Ein Privatpferd zum Reiten und Liebhaben, was wollte man mehr!
Ich wartete also auf die Gelegenheit, in die Schulpferdepflege einzusteigen. Aber bisher war "nichts frei", wie gesagt, es war ein beliebter Job und die Schulpferdepflegerinnen bildeten einen Club  im Club, man verstand sich allgemein sehr gut. Vereinsintern nannte man sie auch die "Schulpferdemafia", die sich aber immer für ihre Lieblinge einsetzten, um Dinge wie Weidegang, neue Ausrüstungsgegenstände (denn nicht alles konnte man selber anschaffen) und "Humane Arbeitsbedingungen" zum Beispiel. So ein Schulpferd hat ja, ich erwähnte es schon, einen der härtesten Jobs in der Branche.
Als Zugereister hat man es ja immer schwer, aber ich ließ bei keiner Gelegenheit unerwähnt, dass ich auch gerne Schulpferdepflegerin wäre. So kam es, dass eines Tages ein neues Pferd eine Box im Schulstall bezog, eine eher schüchterne braune Stute mit großen Augen und langen Beinen. Ihr Name war Laetitia und sie kam aus Polen.
Begeistert stürzte Laetitia sich auf das schon dargebotene Heu und fraß es bis auf den letzten Krümel auf. Sie hatte wohl selten so eine richtige Portion bekommen, denn sie war sehr knochig. Man konnte die Rippen deutlich erkennen und ihre Hüftknochen standen so derbe heraus, dass ein geworfener Hut daran hängen geblieben wäre.
Ihr Fell war stumpf, die Hufe zu lang und ihr Schweiflein war dünn und zerzaust. Von einer Mähne konnte man auch nicht wirklich reden, sie war bis auf dem Kamm abgescheuert und drei tapfere Schopfhaare haben den Kampf gegen den Juckreiz bisher überlebt.
Der Reitlehrer kam in den Stall, um Laetizia zu begutachten. Sein Blick wurde düster beim Anblick der Stute. "Meine Güte." sagte er und zu mir: "Willst du sie mal putzen?"
Ich wollte. Holte mir das an Putzzeug, was die PflegerInnen als zu oll für ihre Pferde angesehen und aussortiert hatten und putzte und wienerte Laetizia nach allen Regeln der Kunst. Diese schaute mich nur erstaunt aus ihren großen braunen Augen an, hielt aber still. Sie schien nicht besonders viel Zuwendung gewohnt zu sein. Laut den Papieren war sie sechs Jahre alt und als "geritten und gefahren" verkauft worden.
Als ich nach gut einer Stunde fertig mit ihrer Säuberung war, sah sie schon ein wenig besser aus, wenn man mal die rissigen, langen Hufe und den Zustand der Mähne außer Acht lässt. Und ihre körperliche Verfassung. Ich hatte Mitleid mit der Stute. Nicht auszudenken, dass sie drei Stunden täglich mit Reitschülern laufen könnte.
Der Reitlehrer schaute auch kritisch, aber er grinste, als er meine Staubwolke und die losen Haare vom Putzen am Boden sah.
"Na, da hat sich aber einer Mühe gegeben. Willst du Laetizia als Pflegepferd haben?"
Auf so eine Frage hatte ich lange gewartet. Ich bekam rote Bäckchen und antwortete: "Ja klar!"
"Drei oder viemal in der Woche?"
"Jeden Tag. Ich kümmere mich jeden Tag um Laetitia." brachte ich noch hervor. Dann knuddelte ich die Braune, die mich einmal mehr erstaunt anblickte und zählte in Gedanken wieder einmal die Stunden, bis ich am nächsten Tag wieder in den Stall kommen würde. Zu meinem Pflegepferd Laetizia. Mit einer Tasche voller neuem Putzzeug für sie und einer großen Tüte Möhren.

Um was auch immer ihr euch heute besonders kümmert, tut es mit Hingabe. Es lohnt sich. ;-)

Pferdige Grüße von
Copine


Mittwoch, 3. September 2014

Das Leben ist kein Ponyhof II

Hi, ich bin's nochmal, euer Mäxchen!

Oh, wenn ihr mich nur sehen könntet, ihr würdet vor Mitleid zerfließen. Grau und trübe sind meine Tage. Als Schattengewächs meines Klienten (habe meine Berufsbezeichnung derweil geändert in "Bewährungshelfer für rückfallgefährdete Equiden^^) friste ich weiterhin ein bedauernswertes Dasein. Immerhin wurden die Haftbedingungen gerade etwas entschärft, aber der Große hat ja nix besseres zu tun, als sich eine wenig dekorative Macke über dem linken Auge zuzuziehen. Hoffentlich hat das nicht wieder eine Verschärfung in Form von Stallarrest zur Folge. Ich glaube, ich schreibe mal eine E-mail an P:ETA oder sowas. Amnesty antwortet ja leider nicht.
Der Sommer geht dahin und mit ihm die leckersten Weidegräser. Aber die kann ich mir ja sowieso nur vom teilweise gepflasterten Außenbereich aus angucken. Drei freche Rehe haben sich zu uns gesellt und zeigen uns, was Freiheit ist: Naschen, mampfen und dann einfach über die Wiese hüpfen und dann ab in den Wald. Wie ich sie beneide! Ich bin doch nur der Freitag vom Robinson Crusoe, der kleinste aller Hobbits mit den behaartesten Füßen und der Patachon vom Pat. Der Doof vom Dick allerdings nicht, denn in meinem kleinen Köpfchen rotieren mehr Synapsen als ihr glauben würdet. Eines Tages komme ich über euch, und dann Gnade euch der Shettygott!
Nun, dem Klienten geht es ja jetzt besser, er darf wieder ein bisschen traben und wenn er bei einer Viertelstunde angekommen ist, sollen die Tore zur Koppel wieder für uns geöffnet werden. Soll sich mal beeilen, der Tollpatsch, bevor der Birnenbaum mit seinen leckeren Früchten abgeerntet und für uns nur der faulende Rest übrigbleibt! Mein genialer Plan mit dem Gegen-den-Stamm-treten-und-dann-regnet-es-leckeres-Obst konnte dieses Jahr noch nicht in die Tat umgesetzt werden. Manchmal wünsche ich mir, ich wäre ein Shire-Horse, dann würde ich die Zäune einfach überklettern und das Paradies wäre mein ganz allein.
Ok, man wird ja wohl mal träumen dürfen. Aber wäre ich ein Shire, hätte der Klient nichts mehr zu lachen. Dann wäre ER der Zwerg und müsste den ganzen Tag machen, was ICH will. Und das wäre kein Möhrenknabbern, das sage ich euch. Er würde meine Hufe lecken und mir den Bauch kraulen, denn an meinen Widerrist und Mähnenkamm käme er nicht mehr heran. Und der würde mich nochmal treten? Dann würde er sich wünschen, nie geboren worden zu sein, dieser Sohn einer arabischen Zirkustusse mit Federbusch aufm Kopp. Also sowas!
Er denkt ja immer, er wäre was besonderes, weil er so ein interessanter Typ ist mit Wüstenblut und er stamme von den 12 Stuten des Propheten ab.
Oh, kennt ihr eigentlich diese Sage? Ich kann sie auswendig, er prahlt ja dauernd damit. Also: Der Prophet Mohammed hatte 100 Stuten und führte sie in die Wüste, aber dort gab es wenig bis kein Futter und auch nur spärlich Wasser, wie das in Wüsten so üblich ist. Dort blieb er 40 Tage und liess die Stuten dürsten und hungern (artgerechte Haltung ist das aber nicht! Womöglich gab es noch nicht mal einen Paddock!), dann führte er sie zu einer fetten Oase und ließ sie laufen.
Kurz bevor die ersten Weiber an der Wasserstelle ankamen, pfiff er sie zurück (Was ist das eigentlich für eine Art und Weise? Gab wohl damals noch kein Clickertraining! ). Und von den 100 Stuten machten 12 wieder kehrt und liefen zurück zu ihrem Herrn (da kann man mal sehen, wie dämlich manche Weiber sind. Ich hätte nach so einer Low-Water-Diet natürlich erstmal ein Vollbad genommen! Aber das ist wohl der Grund, warum Shetties im Koran keine Erwähnung finden. Schade eigentlich ^^).
Nun, mein Klient behauptet jedenfalls nun steif und fest, von einer dieser 12 sehr robust gehaltenen Stuten abzustammen. Da muss ich aber lachen. Moment: vielleicht ist das ja der Grund, warum er immer in den Wasserbottich äppelt: Er will diese Dirty-Water-Challenge nachspielen! Aber schon nach einer halben Stunde (!!!!) bekommt er dann so einen Durst, dass er den Bottich durch die Gegend pfeffert und mit den Hufen gegen die Wand ballert, als ginge es ihm ans Leben. Schrieb ich schon, dass er ein fürchterliches Weichei ist? Araberblut! HAHAHA!
So, bevor ich wieder etwas wirklich Gemeines schreibe und er mich dann wieder nicht an die Abendration Heu lässt, sage ich lieber mal Tschüss für heute.
Ich halte euch auf dem laufenden oder wie meine britischen Ponykollegen sagen würden: To be continued and have a nice day.

Ach, und: Wann immer euch heute ein Shetland-Pony über den Weg läuft, bedauert es entsprechend. Stellvertretend für mich, quasi.
Es grüßt euch euer
Mäxchen!

Montag, 1. September 2014

Schulpferde - die Reitlehrer auf vier Hufen oder Copine's allerallererste Reitstunde!

Heute starte ich eine Serie von Geschichten über Pferde, die selten in den Schlagzeilen auftauchen oder mit Schleifen überschüttet werden, manchmal sogar ein Stiefmütterchendasein in den Ställen haben, obwohl es wirklich beachtenswerte Geschöpfe sind. Ich schreibe mal etwas über Schulpferde, mit denen ich zu tun hatte und die in meinem Herzen unsterblich geworden sind. Macht euch auf etwas gefasst, denn das waren eine ganze Menge! :-)
 Ich bin seit jeher von dieser hippologischen "Berufssparte" angetan, sind es doch diejenigen, die ihre Rücken und Mäulchen für unsere ersten Reitversuche hinhalten. Und sie dürfen niemals vergessen werden, denn sie sind unverzichtbar für die Reitausbildung! Deswegen müssen sie gehegt und gepflegt werden und ich habe meinen Teil auf jeden Fall dazu beigetragen. Wer weiss, vielleicht ergibt es sich ja nochmal, dass ich mich wieder um jene kümmern darf, die so ein bisschen ein Schattendasein in den Vereinen und Reitschulen fristen.
Eigentlich sind sie ja die Aushängeschilder der Ausbildungsstätten, denn über den Zustand der Schulpferde und ihrer Ausrüstung kann man viel über die jeweilige Reitschule rückschließen. Einem Stall, der seine Lehrpferde nicht wertschätzt und sie nicht ausreichend hegt und pflegt (Stichwort artgerechte Haltung!) würde ich als Anfänger sofort den Rücken kehren. Als "ich" würde ich aber nach Möglichkeit versuchen, ihre Lage zu verbessern im Rahmen meiner Möglichkeiten. ;-)
Ich beginne mal mit meinen eigenen Anfängen. Wie schon ansatzweise berichtet, war es ein echt harter Kampf für mich, überhaupt die Möglichkeit zu bekommen, Stallluft zu schnuppern. Als ich 12 Jahre alt war und auf meinen Wunschzettel für Weihnachten  konsequent an alleroberster Stelle ein Pferd prangte (und ich schon etliche Exemplare aus Plüsch und Plastik mein eigen nannte..) schenkte mir meine allerliebste Oma ENDLICH eine Zehnerkarte für eine Reitschule. Oh, wie glücklich war ich da! Es gab zum Geburtstag Gummireitstiefel und einen Helm und ich hätte beides am liebsten nie wieder ausgezogen. Mit einer Schulfreundin, die schon eine Weile dort ritt, fuhr ich dann zu der kleinen Reitschule in einem echten Kuhdorf mitten im Sauerland.
Dort angekommen, konnte ich es gar nicht erwarten, endlich mein Schulpferd gezeigt zu bekommen. Nur am Rande, ich hatte noch keinen Hufkratzer und noch keinen Striegel und noch kein Sattelzeug in der Hand gehabt. Ich hatte lediglich ein paar Runden Ponyreiten in Freizeitparks oder illegal auf einer Ponyweide (darüber schweige ich aber lieber..) als Reiterfahrung aufzuweisen. Sonst nix! Aber alles regelrecht angefallen, was wiehernd auf einer Weide herumstand. Ich war nicht da wegzubekommen.
Mein erstes Schulpferd, was ich kennenlernte, war ein kleiner brauner Wallach namens Donald! Tja, klein ist ja relativ, ne. Ich war selber ziemlich klein und da wirkt so ein Großpferd per se erstmal wie eine Fabelgestalt. Ponys gab es in dem Betrieb nicht. Aber mir war das egal: Ich würde reiten lernen dürfen!
Donald erwies sich als ein wenig unfreundlich, er schnappte nach dem Pfleger, der den Sattelgurt schloss und ließ sich hier auch nicht von meinen mitgebrachten Leckerlies aus dem Reitsportladen trösten, die ich zu den Stiefeln und der Kappe dazubekam. Er nahm es, um gleich danach wieder nach meinem Helfer zu schnappen. Ich glaube, er war nicht besonders begeistert von meiner Idee, reiten zu lernen, und das nun ausgerechnet auf ihm.
Ich merkte, wie er mich musterte.
Ich wiederum hoffte, er würde nett zu mir sein. Ich war so voller Vorfreude, dass ich um ihn herumhüpfte wie ein Eichhörnchen auf Speed. Heute weiss ich, dass das ein Fehler war. ;-)
Nun wurde Donald in die Bahn geführt und ich tanzte nebenher (ich wusste schon jetzt, dass ich morgen DAS Thema in meiner Schulklasse sein würde. Meine Klassenkameradin zeigte mir nun schon zum dritten Mal einen Vogel).
Es ging ans Aufsitzen. Die Reitlehrerin richtete die Longe und die Peitsche und schnallte die Zügel aus dem Trensenzaum aus. Dafür hatte ich ein sogenanntes "Maria-Hilf-Riemchen" am Sattel, zum Festhalten, bekommen.
Donald versuchte nun, durch Herumzappeln der Longenstunde zu entgehen. Der Pfleger forderte mich  auf, mein linkes Bein anzuwinkeln, bevor Donald noch unruhiger wurde (er war beileibe nicht das absolut optimale Longenpferd). Ich gehorchte und schon packte er mein Schienbein und es ging aufwärts!
Leider ging es auch direkt danach wieder abwärts. Er hatte mich über das Pferd geworfen. -.- Bisschen zu gut gefrühstückt, was?
Prustend fand ich mich auf der rechten Seite von Donald sitzend wieder. Meine Klassenkameradin war vor Lachen bereits puterrot! Und ich wusste nun schon, bevor ich auch nur einen Schritt auf Donalds Rücken geritten war, wie der Hallenboden schmeckt.
Donald selbst schaute erstaunt zu mir runter: "Das ging aber schnell! Ich habe doch noch gar nicht angefangen!"
Trotz dieser "Minischande" musste ich grinsen und sprang schnell wieder auf. Meine Reitlehrerin sagte trocken: " Wer noch nicht gefallen ist, ist auch noch nie geritten." Ok, geritten war ich ja nun auch noch nicht wirklich. Aber ich wusste schon mal, wie sich das mit dem Fallen anfühlt.
Beim 2. Versuch mit etwas weniger Schwung sass ich dann stolz wie Oskar im Sattel von Donald, der übrigens sehr gepflegt und in Ordnung war, so wie auch Donald selbst. Viele Reitschüler sassen wohl Anfang der 80er in diesen klassischen VS-Sätteln von Kloster Schönthal, ich habe sie in vielen Reitschulen vorgefunden.
Dann ging es erstmal schön langsam los im Schritt, diese schaukelnde weiche Bewegung genoss ich sehr und Donald hatte wohl eingesehen, dass es gar nicht so schlimm war, mich im Sattel zu haben, denn ich streichelte und klopfte ihn in einer Tour! Er spitzte sogar die Ohren und war für mich im Moment sowieso das schönste und tollste Pferd der ganzen Welt.
Die Worte der Reitlehrerin rauschten leider ein wenig an mir vorbei, erinnere ich mich. Ich war so in Donald verknallt, dass ich nur am Rande mitbekam, dass ich leichttraben lernen sollte. Aufstehen-setzen im Schritt erstmal, das bekam ich hin. Als Donald aber dann in den 2. Gang schaltete und lostrabte wie - so kam es mir vor - die Feuerwehr - war ich froh über mein Mariahilfsriemchen, das ich auch sofort fand. Sonst hätte ich schon wieder eine Bodenanalyse machen müssen und das wäre ja wirklich  ZU peinlich.
Ich bin übrigens äußerst froh, dass es damals noch keine Handys und Selfies und Facebooks gab. :-)
Das mit dem Leichttraben erfühlte ich gegen Ende der Stunde einigermaßen und dann musste ich leider schon wieder absitzen. Dies klappte deutlich besser als das Aufsitzen und ich bedankte mich überschwänglich bei meinem Donald mit einer wahren Flut von Leckerlies. Er nahm sie, sabberte mich damit voll und von da an zählte ich die Minuten bis zur nächsten Reitstunde, bis ich endlich wieder auf  ihm sitzen durfte.

Später erfuhr ich, dass Donald ein eher unbeliebtes Schulpferd war, weil er eben beim Satteln schnappte und biss und beim Reiten einen "harten Trab" hatte. Das alles war mir aber egal, denn Donald hatte einen neuen Fan und zwar mich. Und das für eine ganze Weile. Und er war auch in den folgenden Longenstunden gut zu mir. Im Gegenzug putzte ich ihn, als ich endlich in die Geheimnisse des Striegelns eingeweiht wurde, dass die Reitlehrerin staunte und fragte, ob er auf einer Auktion verkauft werden sollte. Was ich wiederum mit einem entsetzten "Nee, doch nicht VERKAUFEN!" entgegnete. "Er soll sich nur wohlfühlen."

Wieder zuhause von der 1. Stunde, musste ich übrigens den blauen Fleck an meinem Hintern gut verbergen, sonst wären die Reitstunden direkt wieder gestrichen worden wegen "zu gefährlich (und zu teuer sowieso)." Den Spott der Klassenkameraden (Sabine konnte natürlich den Mund nicht halten) ertrug ich tapfer. Ich wollte nur weiter reiten lernen, alles andere war mir egal.

Wann immer euch ein Schulpferd begegnet, seid nett zu ihm und streichelt ihm anerkennend über seine weichen Nüstern. Es hat einen wirklich harten Job.

Pferdige Grüße von
Copine (heute voller Nostalgie)


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